Konzerttournee nach Palencia, Spanien, im Zeichen von Anton Bruckner.
Am 18. Dezember 2024 - gerade noch rechtzeitig vor Ende des Brucknerjahres - startete unser Ensemble Wohlsang die erste große Konzertreise ins Ausland. Im Rahmen des spanisch - österreichischen Kulturaustausches waren wir nach Palencia im Norden Spaniens eingeladen worden, um dort in der drittgrößten Kathedrale Spaniens ein weihnachtliches Konzert zu gestalten. Ausdrücklich gewünscht war natürlich Literatur von Anton Bruckner, ansonsten hatte Georg, unser künstlerischer Leiter, etwas Spielraum.
Mit von der Partie waren auch drei Bläser der Formation SoundInnBrass, die uns beim Psalm 114 von Anton Bruckner begleiten sollten.
Abflug mit 40 Minuten Verspätung um 7:40 Uhr von Linz mit Zwischenstopp in Frankfurt, von dort weiter nach Bilbao. Am Flughafen stiegen wir in einen reservierten Bus, der uns ins Zentrum brachte. Hier hatten wir eine Stunde Zeit, um uns die Füße zu vertreten, etwas frische Luft zu schnappen und eine Kleinigkeit zu essen. Bilbao empfing uns - mittlerweile ist es 13 Uhr - mit Sonne und Wind. Außerdem gab es interessante Architektur und Outdoor - Kunstinstallationen zu bestaunen.
Um 14 Uhr war es dann soweit: Alle Mann an Bord zur Weiterfahrt nach Palencia, die immerhin drei Stunden in Anspruch nehmen sollte. Entschädigt wurden wir durch eine abwechslungsreiche Landschaft, die von zerklüftetem Karstgebiet bis zu weiten Ebenen mit sanften Hügeln reichte. Unzählige sakrale Bauwerke waren zu entdecken.
Angekommen! Gegen 17 Uhr erreichen wir endlich unser Ziel: Palencia!
Vor Ort erwartet uns bereits der Kulturstadtrat persönlich, Senõr González Gutiérrez, der uns auch das letzte Stück des Weges bis zu unserer Unterkunft begleitet. Dieses galt es nämlich zu Fuß zurückzulegen, da die Gassen in der Altstadt schlichtweg zu eng für den Reisebus sind. Wohl dem, der Rollen am Koffer hatte.
Die Zimmerverteilung sollte sich als russisches Roulette entpuppen.
Das Seminario - ein altehrwürdiges Bauwerk, mochte im Sommer Spaniens wohl angenehm kühl sein. Nun war es aber Dezember und speziell nachts bereits empfindlich kalt. Die großen Hallen sind schwer zu heizen - sofern die Heizung überhaupt funktioniert. Meine Zimmerkollegin Eva und ich hatten Glück - wir hatten es kuschelig warm. Manche Chormitglieder waren aber nicht so begünstigt und mussten teilweise sogar umziehen.... Wolldecken hatten jedenfalls Hochkonjunktur.
Mit dem Speisesaal verhielt es sich ganz ähnlich - hier war Winterkleidung angesagt und zu den Mahlzeiten absolut zwingend - außer man konnte den Tisch neben dem einzigen Heizkörper im Raum ergattern.
Die nächste "Überraschung" war dann das Essen à la Feldküche..... gut, jeder hatte mittlerweile Hunger und so griffen eben alle zu - aber das schreit nach Alternativ - Strategien.
Um diesen unerfreulichen Ersteindruck möglichst schnell wieder zu löschen, beschlossen Michel, Günther und ich, noch einen abendlichen Abstecher in Richtung Kathedrale zu unternehmen. Und da wurden wir nicht enttäuscht!
Die Kathedrale der Störche! Überall thronten sie samt ihren Nestern, die sich winzig ausnahmen gegen dieses gewaltige Bauwerk.
Wir waren fasziniert von der unglaublichen Größe und Erhabenheit dieser Kirche und konnten kaum glauben, dass wir übermorgen tatsächlich hier singen würden.
Wir traten ein und stellten fest, dass keiner von uns je etwas Vergleichbares gesehen hatte - von innen betrachtet wirkte sie fast noch größer, höher und weiter als von außen.
Das konnte allemal als Entschädigung für das Abendessen herhalten.
19. Dezember, zweiter Reisetag:
Die Sonne lacht vom Himmel und vor dem Speisesaal entdecken wir eine sehr schöne Luftaufnahme "unserer" Kathedrale. Ein weit erbaulicherer Anblick als der des Frühstücksbuffets... alle zog es hinaus in die Sonne, wo wir den Anblick der über den Kirchenplatz schwebenden Störche genossen. Ihr lautstarkes Schnabelklappern vermischte sich auf eigentümliche Weise mit dem Klang der Kirchenglocken. Fast perkussiv, immer wieder auf und abschwellend, und es war nicht ganz klar, wer von beiden die erste Geige spielte. Wohl eher die Störche, denn angeblich scheiterten sämtliche Delogierungsversuche, die in der Vergangenheit unternommen wurden. Die Futtersuche gestaltet sich ja ebenfalls einfach, denn der Park mit seinen weitläufigen Gewässern und Wiesen ist in Luftlinie gerechnet nur einen Katzensprung entfernt. Was unsere Futtersuche angeht, müssen wir noch daran arbeiten - aber jetzt erstmal zur Probe!
Darum sind wir schließlich hier. Pünktlich um 11 Uhr in der Kathedrale!
Nun ja - die erste Probe hielt - speziell bei der a capella Messe für Doppelchor von Frank Martin, doch einige akustische Überraschungen für uns bereit. Soweit so gut - nach zwei Stunden intensiven Probens waren wir vorerst entlassen. Durchgefroren und schon etwas hungrig, immerhin war es ja schon 13 Uhr, also Essenszeit. Nichts wie raus in die Sonne - und auf Futtersuche!
Überall, nur nicht im Seminario.... besser im Café "Happy".
Um 17 Uhr war eine Kirchenführung anberaumt, zu der wir uns zeitgerecht vor der Kathedrale einfanden - eine gute Gelegenheit für das klassische Gruppenfoto.
Die Führung war überaus interessant. Wir besuchten sogar die Krypta unter der Kirche. Tief beeindruckt von der Fülle an sakraler Pracht in unvorstellbaren Dimensionen erkundeten wir eine Kapelle nach der anderen. Wie auf der Luftaufnahme zu erkennen ist, besteht dieser Prunkbau aus etlichen Seitenschiffen, die strahlenförmig um das Hauptschiff angeordnet sind. Eine architektonische Glanzleistung.
Neben Gobelins, bunten Glasfenstern, traumhaften Schnitzereien und anderen Kunstschätzen faszinierten uns diese riesigen alten Bücher, die sogar für uns aufgeschlagen wurden.
Überwältigt von diesen fast überirdischen Eindrücken verließen wir die Kathedrale - um ganz plötzlich wieder auf die Erde geholt zu werden. Und zwar von keinem Geringeren als unserem Chorleiter Georg. Er wünschte sich aufgrund der tonalen "Überraschungen" in der Vormittagsprobe noch eine abendliche Probeneinheit für die Frank Martin Messe. Diesmal allerdings im Seminario.
Nachdem alle "Intonations - Schlacken" bereinigt wurden, ging es ins "Nachtleben".
Einige von uns entschieden sich für den "Schwarzen Kater", eine wirklich nette Bar ganz in der Nähe vom Seminario.
20. Dezember, dritter Reisetag:
Der Tag des großen Events!
Wieder erfreuen wir uns an der majestätischen Schönheit dieses erstaunlichen Bauwerks und am Sonnenschein.
Die "jungen Tenöre" on Tour.
Um 11 Uhr dann die Generalprobe: voller Einsatz allenthalben - jetzt sollte alles klappen!
... sogar die Madonna im Hintergrund scheint um die richtige Intonation zu bitten...
An diese Dimensionen muss man sich erst noch gewöhnen.
Jetzt aber schnell noch in die Sonne und die Futtersuche wird wieder zum Thema. Schließlich brauchen wir eine vernünftige Stärkung vor unserem Konzert, das um 20 Uhr stattfindet.
Michel, Günther und ich ziehen also los, sowie andere Selbsthilfegrüppchen, die alle das gleiche suchen: ein warmes Plätzchen nach der kalten Probe und etwas Schmackhaftes zu essen. Wir werden auch bald fündig: erst Sonne, dann Tapas. Das Prinzip dabei ist einfach: ein Glas Wein = zwei Tapas gratis. Man hat nun die Möglichkeit, mit dem Wein so lange weiterzumachen bis man satt ist. Vor dem Konzert vielleicht nicht so klug-also die zweite Variante: man bleibt bei
einem Glas Wein und kauft sich noch zehn Tapas dazu - macht auch satt und ist weit weniger riskant.
Kurze Ansingprobe vor Ort mit verheißungsvoller Bestuhlung. Ob wirklich so viele Leute kommen werden?
Tatsächlich füllten sich die vielen Plätze!
800 Besucher lauschten unserem Gesang - ein großartiges Erlebnis !
Ein wirklich gelungenes Konzert, wir konnten das Publikum berühren und begeistern und wurden dafür mit frenetischem Applaus belohnt. Sehr großen Anklang fanden ganz offensichtlich die Stücke von Anton Bruckner, die auch ausgezeichnet in diesen eindrucksvollen sakralen Rahmen passten. Nach dem Konzert waren wir zum Feiern in das Stadttheater eingeladen, welches wir nach einem 10-minütigen Fußmarsch erreichten. Begleitet wurden wir von der hohen Geistlichkeit und dem Kulturstadtrat. Bevor wir uns allerdings über die leckeren Tapas hermachen konnten, forderten die Damen und Herren vom Kulturamt noch ein Ständchen von uns ein. So können wir immerhin mit Fug und Recht behaupten, auch im Stadttheater von Palencia gesungen zu haben.
Nach einer kurzen Führung durchs Theater ging es als bald ans Feiern. Wohl verdient labten wir uns an köstlichem Wein, Saft und Tapas!
Im Seminario blieb es an diesem Abend still, sehr still. Nach der offiziellen Feier im Theater hielten einige von uns noch ziemlich lange in einer Bar durch.
21. Dezember, vierter Reisetag:
Nach einer kurzen Nacht und dem Frühstück versammelte sich alles in der Halle des Seminario. Heute ist eine Stadtführung angesagt.
Es herrscht Morgennebel - vielleicht auch in so manchen Köpfen - aber er lichtet sich bald und gibt den blauen Himmel wieder frei.
Wir besuchten unter anderem auch das naturhistorische Museum von Palencia - es gab wirklich viel zu sehen.
Allerhand bemerkenswerte Gebäude und Plätze - und selbstverständlich Kirchen.
Den langen Marsch durch die Stadt meisterte Norbert tapfer – da käme so eine spontane Wunderheilung schon sehr gelegen…
Der kalte Wind treibt uns nach der Stadtbesichtigung wieder an einen Platz zum Aufwärmen - und Hunger macht sich auch schon wieder bemerkbar. Immerhin waren wir zwei Stunden unterwegs gewesen - da waren die frittierten Meeresfrüchte mit Creme-Kartoffeln, “Patatas Bravas”, ein wahrer Hochgenuss.
Zum Glück stieß Senõr González Gutiérres genau im richtigen Augenblick nach der Tour zu uns und zeigte uns diese Lokalität. Netterweise brachte er auch gleich die neuesten Ausgaben der Tageszeitungen für uns mit. Dort fanden wir uns jeweils auf der Titelseite wieder.
Nachdem alle satt waren, zogen wir nochmals los, um etwas Sonne zu tanken. Der Stadtpark bot sich dafür an, Natur tut gut.
Am Abend des letzten Tages in Palencia hatte Senõr González Gutiérrez noch eine Überraschung für unser Ensemble parat: wir waren in eine Art Kino eingeladen, das drei junge aufstrebende Musiker im Portrait zeigte. Außerdem hatten wir die Möglichkeit, mit Hilfe einer 3D - Brille, ins Innere zweier Instrumente zu schlüpfen. Dabei wurden u. a. die vielen Arbeitsschritte gezeigt, die nötig sind, um beispielsweise eine Violine zu bauen.
An dieser Stelle ein Dankeschön an Norbert, unseren spanisch sprechenden Tenor. Er moderierte nicht nur unser Konzert in der Landessprache, sondern übersetzte auch sonst alles, was so anfiel.
Nach diesem spannenden Programmpunkt verabschiedeten wir uns von Senõr Gonzáles Gutiérrez und zerstreuten uns wieder in kleine Grüppchen. An diesem letzten Abend zogen Michel und ich mit Georg, Karin und Jochen durch das weihnachtlich beleuchtete Palencia zur letzten und äußerst lohnenden Destination: wieder eine der vielen Bars - aber ein echter Volltreffer!
Der weltbeste Schinken ever, traumhafter Wein und das Glück, in der völlig überfüllten Location für fünf Personen einen Tisch zu ergattern. Immerhin war es ja Samstagabend und ganz Palencia war ebenfalls auf den Beinen. Wenn das kein Grund zum Feiern ist!
"Don Jamón" wird uns noch lange in Erinnerung bleiben.
Der 22. Dezember, unser Rückreisetag, begann früh. Um 7 Uhr mussten wir bereits in den Bus steigen, der uns zum Flughafen brachte, also wieder zu Fuß mit Sack und Pack durch die noch dunklen Straßen. Unser letzter Reisetag verlief soweit planmäßig, Flug von Bilbao via Frankfurt nach Linz.
Eine Chorreise im Zeichen von Anton Bruckner - eine großartige Erfahrung für uns alle.
Text: Cathrin Hirtz
Fotos: Michel Maurice Hirtz