Das Wohlsang-Repertoire

Das Wohlsang-Repertoire:
Unser Vokalensemble hat sich seit 2020 ein recht ansehnliches Repertoire erarbeitet, das hier vorgestellt werden soll. Es wird sich im Lauf der Jahre erweitern. Konzertbesucher und -Veranstalter können sich ein Bild davon machen, was sie erwartet. Speziell die emotionale Wirkung der Musik und was die Komponisten motiviert hat, soll versucht werden zu beschreiben.

Johannes Brahms „Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen“ (Motette, op. 74/1):
Brahms hat schon immer seine zu vertonenden geistlichen Texte nach persönlichen Vorlieben und speziellem Interesse ausgewählt. In dieser Motette geht es um die Hoffnungslosigkeit Hiobs und seine scheinbar sinnlose Plage im Leben. Warum wissen wir nicht, warum uns etwas widerfährt? Diese Frage scheint Brahms elektrisiert zu haben. Gott verdeckt den Sinn eines Schicksalsschlages, sodass der Mensch ihn nicht begreifen kann. Aber er kann seine „Hände aufheben zu Gott“, ohne dass er alles begreift. Die Musik ist groß, erhaben und, wie bei Brahms üblich, nicht nur emotional berührend, sondern auch formal sehr durchdacht und es gibt viele Anklänge an die Alte Musik. Imitationen durch alle Stimmen erinnern an Palestrina, der Schlusschoral natürlich an Bach.

Ralph Vaughan Williams „Three Shakespeare Songs“
entstanden 1951 spontan, als im Zuge eines Chorwettbewerbs in England die Kommission ein Prüfungsstück für Chöre brauchte. Die 3 kurzen Stücke sind extrem unterschiedlich, eben um unterschiedliche Anforderungen an die Leistungsfähigkeit der Chöre zu stellen. Das Werk stellte sich rasch als ein absoluter Geniestreich heraus. Der erste Text aus „The Tempest/Der Sturm“ ist richtig „sophisticated“: „Fünf Faden tief liegt mein Vater, zu Koralle wurden seine Knochen, Perlen sind jetzt, was seine Augen waren. Nichts von ihm soll vergehen, aber er soll eine Verwandlung durch das Meer  („Seechange“) erfahren in etwas Reiches und Seltsames. Seenymphen läuten ihm stündlich die Glocke“. Der zweite Text ebenfalls aus „The Tempest“ dreht sich um nichts weniger als das Vergehen der Welt: „Die wolkenbemützten Türme, die prächtigen Paläste, die hehren Tempel, der ganze Globus selbst, wird vergehen, und wenn dieses leere Prangen verloschen ist, bleibt nicht eine Spur zurück. Wir sind aus dem Stoff, aus dem die Träume sind und unser kleines Leben ist von Schlaf umfangen.“ Der dritte Text aus „Ein Sommernachtstraum“ ist leicht und märchenhaft. Die Feenkönigin huscht durch Tau und Nebel und große Primeln sollen ihre Leibgarde sein. Die Musik folgt dem Impetus des großen Dichters in gleicher Tiefe und Größe, sodass ein wunderbares Werk entstand, das seinen Platz in der Weltliteratur gefunden hat.

Charles Villiers Stanfords „Blue Bird“ (1910)
ist ein Jugendstil-Stimmungsbild in Blau. Den schwebenden, flüchtigen Worten der Dichterin Mary Elisabeth Colerigde folgt eine Musik, die ebenfalls aus dem Nichts zu kommen scheint. Ein blauer Vogel fliegt über einen blauen See, darüber der Himmel bis ins letzte blau, die Schwingen des Vogels von blassestem Blau…

Charles Villiers Stanfords „The Haven“ (1910)
behandelt die Farbe Grau auf grauen Inseln, grauem Meer, grauem Himmel. Selbst die Blumen sind grau und wagen nicht, das Blau zu zeigen, das wir von der Glockenblume kennen… Eine Offenbarung!

Edward Elgars „From the Bavarian Highlands“
ist eine Sammlung von 6 Chorliedern, die 1895 aufgrund einer Urlaubsreise des in England extrem prominenten Künstlerehepaares Edward und Alice Elgar ins Bayerische Oberland entstand. Das Ehepaar wurde stark inspiriert vom ländlichen Lebensstil, von den rustikalen Charakteren, vom festen Gottesglauben und der mächtigen Vereinskultur in Bayern, nicht zuletzt vom Bier. So könnte man heute dieses Werk problemlos als bayrische Tourismuswerbung mit noblem Jugendstiltouch verwenden. Es gibt zwei Fassungen des Werkes, beide vom Komponisten selbst, eine für Orchester und eine für Klavier. Wir bevorzugen die Klavierfassung. Die Musik bewegt sich mit einer Ausnahme durchgehend im Dreiertakt, man soll sich eben amüsieren, „leichte Kost“ von bestechender Eleganz und Understatement.

Frank Martins Messe für Doppelchor a cappella (1926),
das erklärte Lieblingsstück von Wohlsang. Weil sie schwebt, weil sie nicht mehr von dieser Welt ist. 40 Jahre lang nicht vom Komponisten veröffentlicht, weil „eine Sache zwischen Gott und mir“. Im Kyrie allein schon die ganze Bandbreite der Transzendenz von völliger Ruhe bis zu flehender Ekstase. Das Gloria beginnt ganz leise und trotzdem spürt man die Ehre Gottes in der Höhe überdeutlich, später ein liegender Akkord im Chor 2 und einstimmiges „Agnus Dei“ im Chor 1, man kann glauben, die Zeit steht still. Das Credo hat auch Meilensteine: Das „Incarnatus est“ schwebt nur als liegender Akkord und trotzdem trifft einen eine Welle von Schönheit. Und schließlich das „Et resurrexit“: Aufgeregtes Getuschel am Ostergrab. Das Sanctus kommt wieder ganz leise und steigert sich zur ekstatischen Freude. Im Hosanna (⅝-Takt) herrscht Ausgelassenheit, das Benedictus kommt sehr straff und bestimmt. Tja, und das Agnus Dei enthält einen Rosenkranz im Chor 2. Mantra-artig werden die Viertelperlen wiederholt, während der erste Chor eine einstimmige Melodie singt. Das Ganze schraubt sich dann in die Höhe…Frank Martin benützt eine ganz eigene Tonsprache, um die er lange gerungen hatte. So ist einer der ganz großen Meilensteine der geistlichen Musik des 20. Jahrhunderts entstanden.

Benjamin Brittens „Hymn to St Cecilia“ (1942):
Die Heilige Cäcilia ist die Schutzheilige der Musiker und Komponisten. Die unschuldige Jungfrau baute am Saum des Meeres eine Orgel und gewaltig donnerten die Klänge in die römische Luft. So berückend waren die Klänge, dass die blonde Aphrodite voll Entzücken nackt auf den Wellen des Meeres ritt, die Engel im Himmel so berührt waren, dass sie aus ihrer Trance zurückkehrten und in den Abgründen der Hölle das Höllenfeuer flackerte und damit die Qual der Sünder linderte…Das ist eben die Wirkung guter Musik. Der Refrain ruft Cäcilia an, die Musiker und Komponisten zu inspirieren:
„Blessed Cecilia, appear in visions
To all musicians, appear and inspire:
Translated Daughter, come down and startle
Composing mortals with immortal fire.“
Die beiden weiteren Teile der Hymne sind beladen mit literarischen Symbolen, betreffend die Entartung der Menschen durch zu viel Denken und zu wenig Fühlen. Musik kann aber eine Möglichkeit sein, zum Fühlen, zur ursprünglichen Unschuld („lost innocence“) wieder zurückzukehren. Im dritten Teil wird Cäcilia angerufen, diesen Zustand wieder herzustellen („Restore our fallen day, O re-arrange“). Sie antwortet in einem berückenden Sopransolo, sagend wie unreif die Menschen sind und fordert auf, durch Weinen zum Zustand der emotionalen Unschuld zurückzukehren („O weep, child, weep away the stain“ - „Weine, Kind, weine den Makel hinweg“). Da sie die Schutzheilige der Musiker ist, verwandelt sie sich dann in verschiedene Musikinstrumente, dargestellt durch unterschiedliche Stimmgattungen, und beschließt ihre Botschaft mit „O wear your tribulation like a rose“ - „Trage Deine Drangsal wie eine Rose“. Und die Rose ist das Symbol der Liebe.
Der Text stammt vom englischen Dichter W. H. Auden, der Britten in der schwierigen Zeit des 2. Weltkriegs künstlerisch eine Art Leitbild war. Die Verse sind sehr „sophisticated“, nicht leicht zu verstehen und, wie gesagt, randvoll gefüllt mit Symbolen. Das Werk ist einzigartig und in seiner Botschaft gewaltig.

Edward Elgars „Go, Song Of Mine“ (1909):
Ein Gedicht des mittelalterlichen italienischen Dichters Guido Cavalcanti in englischer Übersetzung hat Elgar zu einem Chorlied inspiriert, dessen erster Vers lautet: „Go, song of mine, to break the hardness of the heart of man“ - „Flieg aus, mein Lied, um die Härte des Menschenherzens zu brechen“. Wieder das Thema des emotionalen Verfalls der Menschen und hier ähnlich wie in der Hymne an die Hl. Cäcilia die Antwort:  „The unerring spirit of grief shall guide his soul, being purified, to seek its Maker at the heavenly shrine“ - „Der niemals irrende Geist des Leides soll seine Seele läutern, um ihren Schöpfer zu suchen im himmlischen Schrein“. Die Musik packt diese Botschaft in ein hochromantisches, dramatisches Gewand, flüsterleise Passagen wechseln mit leidenschaftlichen Ausbrüchen ab. Ein ergreifendes Werk.

Anton Bruckners 6 große Motetten:
Diese geistlichen Texte müssen bei Bruckner tiefe Gefühle hervorgerufen haben. Mit ekstatischem Herzen muss er komponiert haben, so blutvoll und erhaben kommen diese Stücke daher. Und wie schade, dass es nicht mehr anspruchsvolle a cappella Werke von ihm gibt. Die Behandlung der lateinischen Texte ist so natürlich fließend, dass wir sie spontan verstünden, wenn wir alle Vokabeln wüssten.
I.   „Ave Maria“ (siebenstimmig, 1861): Marienverehrung (übrigens den Protestanten unbekannt) in geradezu ekstatischer Weise, prachtvoll, groß und platonisch zärtlich. Die 7 Stimmen erlauben weit gespannte Akkorde, die Macht und Erhabenheit vermitteln.
II.   „Locus iste“ (1869): „Dieser Ort ist von Gott geschaffen, ein unschätzbares Heiligtum, er ist makellos.“ Die wohl bekannteste Bruckner-Motette, schlicht und trotzdem grandios.
III.   „Os justi“ (1879): „Der Mund des Gerechten denkt Weisheit und seine Zunge spricht Gerechtigkeit, das Gesetz seines Gottes trägt er selbst im Herzen und seine Schritte wanken nicht.“ Ein Wunderwerk in seiner Zartheit, seiner Einfachheit und gleichzeitigen romantischen Größe. Der Mittelteil („et lingua eius…“) greift auf den alten Stil zurück und symbolisiert in seinem Fugato viele durcheinander redende Stimmen. Der Schluss („et non supplantabuntur gressus eius“) wird immer leiser und verklingt sozusagen im Äther.
IV.   „Christus factus est“ (1884): „Christus ward für uns gehorsam bis zum Tod, dem Tod jedoch am Kreuz. Deshalb hat Gott jenen erhöht und jenen Namen gegeben, der über allen Namen steht“. Eine ausgreifende Motette, wahrscheinlich die erhabenste im Klang und in der Wirkung. „Quod est super omne nomen“ kommt unzählige Male, zuerst immer größer werdend, dann immer mehr erlöschend bis zum Schluss.
V.   „Virga Jesse“ (1885): „Das Reis Jesse ist erblüht: Die Jungfrau hat Gott und Mensch gezeugt: Frieden hat Gott zurückgegeben, in sich wiederversöhnend das Tiefste und das Höchste. Alleluja!“ Bruckner in Vollendung: laut, leise, zärtlich, erhaben, die verschiedenen Textabschnitte rufen extrem unterschiedliche Gefühle hervor, das Ganze wird beschlossen mit einem geradezu „militärischen“ Alleluja mit Blechbläsertouch, das aber dann ganz leise verklingt.
VI.   „Vexilla regis“ (1892): „Die Banner des Königs ziehen, es folgt das Mysterium des Kreuzes…“. Seine letzte Mottete, aus „reinem Herzendrang“ geschrieben. Man sieht geradezu wie in einer Filmmusik die weltlichen und geistlichen Mächte in einer Prozession ziehen. Mitleid für den Gekreuzigten am Balken („suspensus est patibulo“) hört man heraus. In der zweiten Strophe bittet man Gott um Gnade für die Verurteilten, man höre das Wort Gnade „(veniam“)! In der dritten Strophe sollen alle Geister Gott loben („collaudet omnis spiritus“).

Anton Bruckners „Tota pulchra es Maria“ für Chor, Solotenor und Orgel (1878): „Vollkommen schön bist Du, Maria. Die Erbsünde ist nicht in Dir. Du Ruhm Jerusalems, Du Freude Israels, Du Ehrwürdige unseres Volkes! Du Anwältin der Sünder. O Maria ! Weiseste Jungfrau, sanftmütigste Mutter. Bitte für uns. Trete ein für uns beim Herrn Jesus Christus“. Ein weiteres Beispiel für tiefe Marienverehrung. Der Tenor und der Chor rufen Maria an, für grandiose Phrasen kommt überraschend die Orgel dazu. Wenn man diesen Text liest, kann man sich unschwer vorstellen, wie Bruckner davon entflammt wurde.

Anton Bruckners „Messe in e-moll für Doppelchor und Harmoniebegleitung“ (1882, 2. Fassung):
Eine absolut alleinstehende Vertonung des katholischen Messordinariums. Der berühmte Bischof zu Linz Franz Joseph Rudigier wünschte zur Eröffnung des ersten Bauabschnittes des Neuen Mariendomes eine Festmesse, die aber einige Hindernisse zu umschiffen hatte: Der Dom hatte noch kein Dach, so musste die Messe im Freien ohne Orchester aufgeführt werden. Bruckner behalf sich mit dem Engagement von 15 Bläsern aus der örtlichen Militärmusik. Diese dienen aber mehr der Stütze des Chores und sind nicht wirklich ein eigenständiger musikalischer Faktor. Die Messe hat weite a cappella Passagen, die zum Schönsten und Geheimnisvollsten gehören, das Bruckner geschrieben hat. Das Kyrie ist fast komplett a cappella und spielt lediglich mit einem e-moll Akkord, aber wie! Archaische Stimmung aus weit vergangenen Jahrhunderten kommt auf. Das Gloria bringt zuerst festliches Gepräge mit den Bläsern zusammen, schwenkt aber dann beim lyrischen „Qui tollis peccata mundi“ wieder in a capella Technik über. Der Satz wird beschlossen durch eine eindrucksvolle, sehr verspielte „Amen“-Doppelfuge. Im Credo begegnen wir Bruckner zunächst in seiner symphonischen Gestalt. Mächtige Unisono-Figuren erklingen zusammen mit dem Blech, man meint Legionen marschieren zu hören. Dann ein zauberhaftes, warmes „Incarnatus est“ a cappella, das „et sepultus est“ ist die leiseste Stelle im ganzen Werk. Mit dem „et resurrexit“ wird der symphonische Zauber wiederaufgenommen, speziell das „et unam sanctam catholicam“ würde wunderbar zu einem Historien-Monumentalfilm passen. In lichte Höhen schwingt sich zum Schluss das „et vitam venturi saeculi Amen“. Das Sanctus beginnt mit einem achtstimmigen a capella Satz im alten Stil. Wunderbar schwebend bewegen sich „Heilig“ Rufe zum Blecheinsatz „Dominus Deus Sabaoth“ im fortefortissimo. Dann „Hosanna in excelsis“ in größter Klangpracht. Das interessante Benedictus ist die komplexeste Musik dieser Messe. Nicht nur, dass stets mehrere musikalische Strukturen gleichzeitig erklingen, auch die Harmonik mit ihren Modulationen ist extrem. Das folgende Agnus Dei beginnt nachdenklich, verträumt, entwickelt aber sofort beim ersten „misere nobis“ einen flehentlichen, dramatischen Höhepunkt. Das zweite Agnus Dei steigert sich im Vergleich zum ersten und nach dem dritten schwenkt Bruckner für das „dona nobis pacem“ zu einem pianissimo C-Dur Akkord. Mit weiteren melancholischen „dona nobis pacem“ Rufen verklingt das Werk.

Hubert Parrys „Songs Of Farewell“ (1916):
Hier handelt es sich um das Vermächtnis einer der prominentesten Komponistenpersönlichkeiten Englands zur Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die dazu ein ausgesprochener Freund der deutschen Kultur war, speziell ihrer Musik („germanophile“). Er konnte nicht begreifen, warum zwei Brudernationen mit gemeinsamer germanischer Kultur in einen brutalen Vernichtungskrieg gegeneinander gezogen waren. Parry, auch Direktor der angesehensten Musikausbildungsstätte Englands, dem Royal College of Music in London, verlor im Ersten Weltkrieg ihm teure Kollegen und Studenten, geriet darüber in Verzweiflung und starb 1918. Das Thema Abschied („Farewell“) zieht sich durch alle 6 Motetten dieser Sammlung und kann sehr vielschichtig aufgefasst werden. Am prägnantesten kommt der Abschied des Menschen vom diesseitigen Leben und sein Übertritt ins Jenseits vor. Gleichzeitig ist es auch der Abschied Englands als Weltmacht, mit damit verbundenem Verlust an kulturellen und humanitären Werten. Insgesamt weht aber ein tröstlicher, versöhnlicher und humanistischer Ton durch die 6 Texte, die mit Ausnahme der 6. Motette (Psalm 39 aus dem Alten Testament) von englischen Dichtern aus verschiedenen Zeitepochen stammen. Die Musik beinhaltet alle Errungenschaften europäischer Musik aus drei Jahrhunderten, damals wurde man als Komponist noch in allen Musikstilen ausgebildet, auf denen man dann aufbaute, bis man seine eigene Sprache gefunden hatte. Es ist unseres Erachtens wichtig, sich mit den Texten dieses Werkes auseinanderzusetzen, bevor man es hört. Wenn nicht, wirkt es lediglich schön, man kratzt nur an der Oberfläche, die mächtige, transzendente Tiefe bleibt unerschlossen.

  1. „My soul, there is a country far beyond the stars, where stands a winged sentry, all skillful in the wars. There, above noise and danger, Sweet Peace sits crowned with smiles, and One, born in a manger Commands the beauteous files…“ („Meine Seele, es gibt ein Land weit über den Sternen, wo ein geflügelter Wächter steht, erfahren in der Kriegskunst. Dort, über Lärm und Gefahr sitzt, gekrönt mit Lächeln, süßer Friede und Einer, geboren in einer Krippe, befehligt die schönen Scharen…“). Gedicht von Henry Vaughan (1622-95)

  2. „I know my soul hath power to know all things, yet she is blind and ignorant in all…“ („Ich weiß, dass meine Seele die Macht hat, alle Dinge zu wissen, doch ist sie blind und unwissend in allem…“ Gedicht von John Davies (1569-1626).

  3. „Never weather-beaten sail more willing bent to shore, never tired pilgrim’s limbs affected slumber more, Than my wearied sprite now longs to fly out of my troubled breast. Oh come quickly, sweetest Lord, and take my soul to rest….“ („ Niemals steuerte ein sturmgebeuteltes Segel bereitwilliger auf die Küste zu, niemals sehnten sich die Glieder müder Pilger mehr nach Schlaf, als meine müde Seele sich jetzt danach sehnt, aus meiner bedrückten Brust zu entfliehen: Komm rasch, liebster Herr, und bringe meine Seele zur Ruhe…“ Gedicht von Thomas Campion (1567-1620).

  4. „There is an old belief, That on some solemn shore, Beyond the sphere of grief, Dear friends shall meet once more…“ „Es gibt einen alten Glauben, dass an einer hehren Küste, über der Sphäre von Kummer, liebe Freunde sich einst wieder treffen werden…“ Gedicht von John Gibson Lockhart (1794-1854).

  5. „At the round earth’s imagined corners blow Your trumpets, angels, and arise, arise From death, you numberless infinities of souls and to your scattered bodies go!…“An den imaginären Ecken der runden Erde blast Eure Trompeten, Engel, und steht auf, ersteht auf vom Tod, Ihr zahllosen Unendlichkeiten von Seelen und geht zu Euren versprengten Körpern…“ Gedicht von John Donne (1572-1631).

  6. „Lord, let me know mine end and the number of my days, that I may be certified how long I have to live…“ „Herr, lass mich mein Ende wissen und die Zahl meiner Tage, dass ich versichert sein darf, wie lange ich zu leben habe…“ Psalm 39, Verse 5-15 aus dem Alten Testament.

Die zweite Festmesse von Joseph Kromolicki, op. 2 von 1914:
Eine hochromantische Vertonung des lateinischen Messordinariums, am Vorabend des Ersten Weltkriegs in Berlin geschrieben. Der in Regensburg ausgebildete polnisch-stämmige Komponist Joseph Kromolicki war Schüler von Hans Pfitzner und 50 (!) Jahre lang Leiter des Kirchenchores St. Michael in Berlin.
Das sechssätzige Werk, bestehend aus Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Benedictus und Agnus, atmet verschwenderische Romantik mit kühnen Modulationen, viel Chromatik und weitgespannter Dynamik. Den beherrschenden Einfluss von Richard Wagner in der deutschen Musiklandschaft zu dieser Zeit kann man an den wiederholten Zitaten aus seinem "Parsifal" (Gralsdarstellung) erkennen. Gleichwohl wirkt die Komposition niemals seicht oder wie ein Plagiat, sondern zeigt ehrliche Ergriffenheit eines Komponisten, der sich im "Vollbesitz", beziehungsweise in voller Beherrschung von sieben Jahrhunderten Musikgeschichte und Kompositionstechnik befand. Es gibt fast alles, was (klassische) Musik damals können sollte: fünfstimmige Akkorde, romantische Flächenklänge und jede Menge Fugen und Fugati. Diese mitteleuropäische Tradition, dass jeder Komponist auf dem Fundament der Musikgeschichte gleichsam ruhte und trotzdem erstaunlich eigenständig und originell sein konnte, fand im selben Jahr mit dem Ersten Weltkrieg ihr Ende. Danach glaubte man nur noch, in einem Bruch mit der Vergangenheit das Heil zu finden.
Höhepunkte des prächtigen Werkes: "Incarnatus" im Credo im schwebenden pianissimo im Stile einer späten Wagner-Oper, Sanctus ultralangsam, leise und romantisch, sowie die Schlussfugen im Gloria und Credo.

„Zigeunerlieder“ von Johannes Brahms, op. 103 von 1888,
(Texte nach ungarischen Volksliedern von Hugo Conrat):
Eigentlich 11 romantische Popsongs mit Klavierbegleitung über das damals exotische ungarische, bzw. „zigeunerische“ Volksleben. Brahms war bei seinen Ungarnaufenthalten fasziniert vom temperamentvollen Spiel der Zigeunerensembles und hat diesen treibenden musikalischen Charakter oftmals in seinen Kompositionen verwendet. Das bekannteste Werk in dieser Richtung sind natürlich die „Ungarischen Tänze“ für Orchester, aber auch die „Zigeunerlieder“ atmen Temperament, Tempo, schwungvolle Rhythmik und vor allem „Herzschmerz“, um den es vor allem in Zusammenhang mit „Anbandeln“ und Verlassenwerden geht. Stimmlich durchaus anspruchsvoll, pianistisch sogar sehr fordernd in puncto Tempo und Rhythmus, wobei ein ungarisches Cimbal (Hackbrett) nachgestellt werden soll, sind diese Lieder aber trotzdem typisch Brahms: musikalisch niemals seicht, sondern immer originell, man spürt die Hand des Meisters in jedem Takt.

„Sehnsucht“ und „Nächtens“ aus „Sechs Quartette“, op. 112 von Johannes Brahms von 1891,
(Gedichte von Franz Kugler):
„Es rinnen die Wasser, deine Sehnsucht wacht“; das ist das Motto des ersten Liedes dieses Zyklus. „Du siehst hinaus in den Morgenschein und bist allein“. Traurig und unerfüllt bleibt die Seele in diesem Lied und es endet schmerzvoll dramatisch aufbäumend.
In „Nächtens“ geht es um schlechte Träume: Die „irren, lügenmächt’gen Spukgestalten, welche deinen Sinn verwirren“ tauchen auf und „auf Tränen blickt der Morgen“. Ein ergreifendes Lied mit sehr virtuoser Klavierbegleitung.

„Sommerlied“, op. 147, Nr. 4 von Robert Schumann (1849); Gedicht von Friedrich Rückert:
Deutsche Romantik pur, unübertroffen in Empfindsamkeit und zu Herzen gehender Tragik. „Seinen Traum lind wob, Frühling kaum…“ hebt das Sommerlied trauervoll an, um in leisen Tönen eine Kulisse der Aussichtslosigkeit und verlorener Liebe aufzubauen. „Wo ist dein Kranz, Mai ? Wohnt dir kein Glanz bei, wann der Liebe Sonnenschein zerrann ?“ Es kann nur tragisch enden, nämlich bei der „Ros’ hinab ins Grab“. Das Gedicht schwebend, traurig; die Musik meisterlich einfach und gerade deshalb so zu Herzen gehend.

„Der Handschuh“, Ballade von Friedrich v. Schiller, vertont 1849 von Robert Schumann (op. post.):
„Mit kräftig deklamatorischem Vortrag“ beginnt die Vertonung von Schillers „Handschuh“. Schiller und Schumann „deutsch“ humorvoll, eine wunderbare Kombination. Die Dichtung geradlinig, aufs Ziel zusteuernd, mit ironischem Humor, wenn das Erste Deutsche Reich aufs Korn genommen wird und besonders „Fräulein Kunigund’“ in ihrem grenzenlosen Narzissmus. Der Ritter Delorges hingegen deutsch, geradlinig, männlich, elegant und zu guter Letzt extrem direkt. Ein Wunder an eleganter, dramatischer Fortspinnung der spannenden Handlung („tierische“ Gladiatorenspiele im Ersten Deutschen Kaiserreich). Die Musik „versteht“ Schillers Sprache aufs Feinste und „benimmt“ sich feinsinnig, hintergründig und schlicht, trifft aber den jeweiligen „Ton“ der Situation aufs Genaueste. Wirklich ein Genuss.

„Vineta“, Nr. 2 aus Drei Gesänge op. 42 (1861) von Johannes Brahms (Text von Wilhelm Müller):
Vineta, die sagenumwobene, versunkene Stadt, vermutlich im Oderhaff östlich von Stettin gelegen. Es handelte sich angeblich um eine wendische, wohlhabende Ansiedlung, die durch eine Sturmflut unterging oder/und von den Dänen im 12. Jahrhundert vernichtet wurde. Die heutige Siedlung Wollin/Wolin im Oderhaff, im ehemaligen Westpommern gelegen, soll mit Vineta übereinstimmen. Jedenfalls ein Ausgangspunkt spannender Überlieferungen. Das Gedicht bemüht die verklärte Legende der Stadt, die sechsstimmige Musik ist im wahrsten Sinn des Wortes reich, zu Herzen gehend und trifft die Legende emotional auf den Punkt.

„An die Heimat“ und „Der Abend“ aus Drei Quartette, op. 64 von Johannes Brahms (1874),
Gedichte von C. O. Sternau und Friedrich v. Schiller:
Zwei extrem emotionale Gedichte, von Brahms intensiv vertont. „An die Heimat“ verherrlicht die Liebe der Deutschen zu ihrer heimatlichen Scholle („Heimat, wunderbar tönendes Wort!“). Brahms scheint diese Liebe zu teilen, denn er vertont elegisch, groß und emphatisch, geradezu rauschhaft.
„Der Abend“ von Schiller ist ebenfalls groß, aber irgendwie versteckt ironisch, denn es geht um den Liebesakt zwischen Göttern. Der Sonnengott senkt seinen Wagen herab, um Thetys, die „auf des Meers krystallner Woge lieblich, lächelnd“ winkt, zu treffen und in ihre Arme zu fallen. Derweil hat die Erde Ruhe und die Sonne dörrt nicht mehr die Fluren aus….

„Quatre motets pour le temps de Noël“, FP 152 (1951-52) von Francis Poulenc:
Zum ersten Mal singen wir Poulenc, was für eine Freude und Überraschung, diesen kindlichen, lausbübischen, sanften, subtilen und wirklich genialen Komponisten kennenzulernen. Auch hier hört man die Jahrhunderte europäischer Musik immer wieder heraus und doch ist diese Musik eindeutig aus dem 20. Jahrhundert. Hell im Klang und von geradezu greller Klarheit sind die Akkorde.

  1. „O magnum mysterium“, die erste Motette, eine verschattete Kantilene im Sopran und ein freudiger Ausbruch, dass der junge Heiland in der Krippe liegt. Die glückliche Jungfrau verdient, Christus, den Herrn, in ihrem Leib zu tragen. Diese Stelle hellt auf und geht plötzlich in Vierklängen, um dann wieder ins verschattete Mysterium zurückzukehren.

  2. „Quem vidistis, pastores?“ „Wen habt Ihr gesehen, Hirten?“ im pp und gleichzeitig gesummt, die Linie unterbrochen durch „melodische“ Pausen. „Sagt, wen habt Ihr gesehen?“ später spitz und grell im ff. Dann wieder zurück zum Anfangs-pp.

  3. „Videntes stellam“. Die Quintessenz des leichten, schlackenlosen p-Gesangs, bis die Bässe dazukommen und etwas Erdenschwere zufügen. Die Magier (Hl. 3 Könige) treten ein und überreichen dem Herrn Gold, Weihrauch und Myrrhe. Das Wort Myrrhe wird als Fünfklang-Kadenz vertont, um wieder in die anfänglichen Bahnen zurückzuführen.

  4. „Hodie Christus natus est“. Ausgelassene Freude und Schnelligkeit charakterisieren diese letzte Weihnachts-Motette. Heute singen die Engel auf Erden und die Erzengel freuen sich. Das kann man mühelos heraushören. Ehre sei Gott in der Höhe! Und wie!